TA-TRUNG SALON #4

Ta-Trung und der Drucker Martin Z. Schröder luden am 24. Februar 2017 zum Salon »Doppelt Sehen« – Es wurden alte und neue Holzstöcke von Hans-Joachim Behrendt und korrespondierende Drucke gezeigt.

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Ansprache zur Ausstellung von Martin Z. Schröder

Sie kennen sicherlich den sogenannten Apfelzett-Reflex: Man hat am Computer oder mit dem Telefon etwas angestellt, das rückgängig gemacht werden soll. Auf dem Computer ist das mit einer Tastenkombination erledigt. Dieser Vorgang hat sich so stark in unser Leben geschlichen, daß wir manchmal einen Rücksetz-Reflexspüren, wo es gar keine Tasten gibt. Der Schrittzurück in der Grafik ist nun nicht ganz neu. Man behilft sich gegen Irrtümer auf dem Papier mit Radiergummi, Tipp-Ex, Rasierklinge. Es gibt aber grafische Techniken ohne einZurück. Neben mir steht ein Mann, dessenkünstlerisches Handwerk bedarf so viel Mutes, wie er heute in der Grafik unbekannt ist. Den Mut eines Generals. Hans-Joachim Behrendt ist seit seinem 23. Lebensjahr freischaffender Illustrator, und die Kunst, die so viel Entschlossenheitbraucht wie die der Kriegsführung, ist derHolzstich. Ein aus dem Holz mit dem Stichelgegrabener Span ergibt im Druckbild eine weiße Stelle, und es gibt keine Backspace-Taste, dieeinen schwarzen Punkt zurück ins Holz bringen kann.

Ich durfte schon mehrmals erleben, mit welcher Gelassenheit dieser Mann ans Werk geht und wie zutraulich er dem Risiko des Irrtums ins Auge blickt. Als wir zusammen einen Holzstock für den Druck einrichteten, begehrte Herr Behrendt eine Korrektur auszuführen. Wir bauten das Mikroskop auf, richteten das Licht für den Arbeitsplatz ein, dann setzte sich Herr Behrendt vor sein Werkstück, die Augen an die Okulare und die Hand mit dem Messer an den Stock, und während er nun winzige Späne aus dem Holz hob, stolperte ich um ihn herum, fotografierte ihn, und wir unterhielten uns dabeisogar noch. Ich kannte solche Kaltblütigkeit bislang nur aus Kriegsfilmen oder solchen mit Herzchirurgen, die am offenen Herzen im OP Saal das Hochzeitsmenü der Tochter diskutieren. Wer ist dieser unerschrockene Mann? Hans-Joachim Behrendt wurde 1937 in Magdeburg geboren und zeichnete, bevor er richtig sprechen konnte. Seiner Mutter wurde von einem Händler für Malutensilien gesagt, dieses Talent fürs Zeichnen sei nicht so schlimm und würde sich verwachsen. In der Schule dann wurden die Arbeiten des Elfjährigen für eine Ausstellung von Kinderzeichnungen abgelehnt, weil sie zuwenig kindlich waren.

Hans-Joachim Behrendt bestand später mit seinen Arbeiten die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und studierte bei damals sehr bekannten Künstlern. Der Student folgte der Empfehlung seines Professors Werner Klemke, sich mit dem Holzstich zu befassen. Es gab vor und nach Werner Klemke keinen Gebrauchsgrafiker, denfast jeder Bürger des Landes kannte, weil er über Jahrzehnte neben Büchern die Titel einerbeliebten Zeitschrift illustrierte, außerdemauch Schulbücher, und weil er als prominenter Professor gelegentlich im damals noch gehobeneren Unterhaltungsfernsehen auftrat, wo er zur besten Sendezeit den Zuschauern erklärte, daß sie ihren Kindern beim Malen nicht reinreden sollen.

Berühmte Lehrer hatte also Hans-Joachim Behrendt, und bald wurden auch seine Bilderstil prägend für die Illustration der Zeit und des Landes. Wir finden in seinen Arbeiten einen enormen Reichtum an kunstgeschichtlichen Bezügen,vor allem aber beglückt seine Freude am bildnerischen Ausdruck und an der Rafinesse. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf einen Stich lenken, weil ich ihn gerade vor einer Woche frisch gedruckt habe. Und als Drucker von Holzstichen studiert man das Werk stundenlang unter der Lupe, um alle Details im Druckbild herauszuarbeiten. Dieser Stich wurde vor knapp fünfzig Jahren für eine Ausgabe des Dreistrophenkalenders des populären Dichters Georg Maurer gestochen. Sie finden das Buch in einer der Vitrinen zusammen mit dem Stock und einem neuen Abzug vom Original. Auf den ersten Blick sieht man ein großes Gesicht, das fast wie mit Tusche gemalt wirkt, ungewöhnlich für einen Holzstich. Dieses Gesicht hat etwas heute Altertümliches, es sieht nach der Illustrationsart der 50er und 60er Jahre aus. Aber nun möge man sich nicht abwenden, sondern sich in dieses Bild vertiefen. Man erfreue sich an den Schraffuren in diesem Gesicht, die auf die Geometrie der Neuen Sachlichkeit anspielen. Dann schaue man auf die Hände, die an die religiösen Schnitte des Mittelalters erinnern, auch an Dürer-Bilder. Und dann versenke man sich in die surreale Wimmelwelt zwischen den Armen des Dichters. Sonne, Mond und Regen umspielen ihn gleichzeitig. Das Auge der Sonne ist zugleich ein Schmetterlingsflügel. Ein Frosch liegt auf dem Rücken und schnappt nach einer Fliege wie im Schlaraffenland. Ein Püppchen winkt mit einer winzigen offenen Hand, die Nachtigall schlägt, und dem Dichter sprießen Blätter und Blüten aus der Feder. Die feine und humorvolle Miniatur mit winzigen Stichen so schön undlebhaft darzustellen, ist ein wesentlicher Teil der Einzigartigkeit dieses künstlerischen Werkes. Hans-Joachim Behrendt hat die Illustration und die Gebrauchsgrafik auf die höchste Spitzeder Kunst getrieben. Mit 28 Jahren trugen ihm seine Illustrationen die erste Auszeichnung der Schönsten Bücher ein, die damals noch einen ungleich höheren Wert hatte als heute. Esfolgten nicht nur Nachdrucke seiner Buchillustrationen in anderen Ländern, sondern auch nationale und internationale Ausstellungen und Auszeichnungen.

Und da er den Ruhestand nun auch mit achtzig Jahren vermeidet, kann ich Sie zu Auftragsanfragen nur ermuntern. Mein eigenes Firmenzeichen und ein dazu passendes Exlibris habe ich von ihm stechen lassen und werde immerwieder darauf angesprochen. Ich habe einige Grußkarten mitgebracht, die Sie heute abend gleich im Anschluß kaufen können. Auch das erwähnte Bild aus dem Maurer-Gedichtband. Mich freut es sehr, daß Pierre Becker die Werke von Herrn Behrendt in meiner Werkstatt entdeckt und ihre Qualität erkannt hat und diese Arbeiten nun heute abend in einer Agentur in Berlins Mitte gezeigt werden. In einer Agentur, die das Gesicht dieser Stadt mitprägt mit ihren Arbeiten für etliche Berliner Kultureinrichtungen, vor allem durch die einprägsamen Plakate für die Berliner Festspiele. Herr Becker, ich bin Ihnen dafür sehr dankbar. Herr Behrendt, es ist schön, daß Sie und Ihre Frau hier sind, herzlichen Dank auch Ihnen.

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